Meine erste Einschätzung
Du schreibst, dass nichts Schlimmes passiert ist, kein Streit, der euch auseinandergebracht hätte, und dass Respekt und Freundschaft geblieben sind, während die Liebe seit Jahren weg ist. Ihr sitzt nebeneinander auf dem Sofa, besprecht, wer wann wen wohin fährt, geht zu unterschiedlichen Zeiten ins Bett und berührt euch nicht mehr, außer aus Versehen im Flur. Beim ersten Tanz auf der Hochzeit hast du danebengestanden und nichts gefühlt, gar nichts, und als deine Freundin sich im Frühjahr scheiden ließ, war dein ehrlichstes Gefühl kein Mitleid, sondern Neid. So habe ich dich verstanden; korrigier mich, wenn ich etwas falsch lese.
In deinem Brief liegen mehrere Fragen übereinander, und ich vermute, sie werden nachts auch deshalb so laut, weil sie sich gegenseitig im Weg stehen. Die erste ist die nach dem, was du dir erhoffst. Damit das Nebeneinander aufhört — oder damit du wieder gemeint bist: Das klingt ähnlich und ist es nicht. Das eine sagt, was weg soll, das andere, was da sein soll, und die beiden Antworten führen nicht zwangsläufig zur selben Entscheidung.
Die zweite steht in einem einzigen deiner Sätze: ob es egoistisch wäre, zu gehen, oder egoistisch, zu bleiben. Damit gibt es in deinem Text keine Tür, hinter der du nicht schuldig bist. Ich behaupte nicht, dass das falsch ist, ich sage nur: Eine Entscheidung, deren beide Antworten schon vorher denselben Namen tragen, lässt sich schwer treffen. Vielleicht ist dieser Satz weniger der Anfang deiner Frage als das, was sie festhält. Vielleicht trifft dich das gerade, vielleicht liest du es erst beim zweiten Mal anders — sag mir, wenn ich da zu scharf lese.
Die dritte hat mit deiner Ehe zunächst nichts zu tun. Du denkst das seit ungefähr sechs Jahren, vielleicht länger, und hast noch niemandem davon erzählt, nicht einmal der Freundin, die selbst eine Scheidung hinter sich hat. Sechs Jahre allein mit etwas, das jeden Abend im selben Wohnzimmer sitzt, sind eine eigene Last, unabhängig davon, wie du irgendwann entscheidest. Dass es jetzt aufgeschrieben ist, ist bereits ein Schritt; es steht zum ersten Mal außerhalb deines Kopfes.
Das sind drei verschiedene Entscheidungen, und keine davon musst du heute treffen. Eine Frage lege ich dir trotzdem dazu, weil sie in deinem Brief nicht vorkommt: Was, glaubst du, nimmt er wahr — nach sechs Jahren, ohne dass du je etwas gesagt hast? Du beschreibst ihn als guten Vater und anständigen Menschen, was es dir nicht leichter macht, sondern schwerer. Vielleicht weiß er nichts davon. Vielleicht mehr, als in eurem Alltag Platz hat. Ich behaupte weder das eine noch das andere.
Wenn du magst, ein kleiner Schreibimpuls, nur für dich, nichts zum Zeigen: Beschreib einen gewöhnlichen Dienstagabend in einem Jahr. Nicht den großen Moment, den gewöhnlichen Abend. Was da steht, sagt oft mehr als die Frage nach dem Gehen oder Bleiben.
Wenn du magst, schreib mir, welcher dieser drei Fäden sich gerade am lautesten meldet — dort machen wir weiter. Es reicht ein Absatz, und es gibt keine Frist.
— Stefan