Schnell verlassen

So sieht eine erste Einschätzung aus

Ein erfundenes Beispiel, keine echte Person: Eine erste Einschätzung liest sich nie wie eine Vorlage, sondern wie eine Antwort auf genau das, was du geschrieben hast. Damit du eine Vorstellung bekommst, wie das aussieht, zeige ich eine Beispielanfrage und meine vollständige Antwort darauf.

Was jemand mir schreiben könnte

Ich bin 44, seit 14 Jahren verheiratet, wir haben zwei Kinder, neun und zwölf, ein Haus mit laufendem Kredit und ein gemeinsames Konto. Nichts Schlimmes ist passiert — keine Affäre, kein Streit, der uns auseinandergebracht hätte. Aber die Liebe ist seit Jahren weg, während Respekt und Freundschaft geblieben sind. Ich denke das nicht erst seit Kurzem. Wenn ich es festmachen müsste: seit ungefähr sechs Jahren, vielleicht länger. Unsere Abende sehen so aus, dass wir nebeneinander auf dem Sofa sitzen, er liest, ich sehe mir etwas an, wir besprechen, wer wann wen wohin fährt, und gehen zu unterschiedlichen Zeiten ins Bett. Wir berühren uns nicht mehr, außer aus Versehen im Flur. Er ist ein guter Vater und ein anständiger Mensch, und das macht es nicht leichter, sondern schwerer. Letzten Monat waren wir auf einer Hochzeit, und als das Paar seinen ersten Tanz hatte, habe ich danebengestanden und nichts gefühlt, gar nichts, und auf der Heimfahrt haben wir über die Gäste gesprochen wie über Kollegen. Eine Freundin von mir hat sich im Frühjahr scheiden lassen, und mein ehrlichstes Gefühl dabei war kein Mitleid, sondern Neid. Nachts, wenn alle schlafen, sitze ich im Bad oder auf dem Sofa und frage mich, ob ich nur wegen der Kinder bleibe — und ob es egoistisch wäre, zu gehen, oder egoistisch, zu bleiben und mit 60 auf ein liebloses Leben zurückzuschauen. Ich habe noch niemandem davon erzählt, nicht einmal dieser Freundin.

Meine erste Einschätzung

Du schreibst, dass nichts Schlimmes passiert ist, kein Streit, der euch auseinandergebracht hätte, und dass Respekt und Freundschaft geblieben sind, während die Liebe seit Jahren weg ist. Ihr sitzt nebeneinander auf dem Sofa, besprecht, wer wann wen wohin fährt, geht zu unterschiedlichen Zeiten ins Bett und berührt euch nicht mehr, außer aus Versehen im Flur. Beim ersten Tanz auf der Hochzeit hast du danebengestanden und nichts gefühlt, gar nichts, und als deine Freundin sich im Frühjahr scheiden ließ, war dein ehrlichstes Gefühl kein Mitleid, sondern Neid. So habe ich dich verstanden; korrigier mich, wenn ich etwas falsch lese.

In deinem Brief liegen mehrere Fragen übereinander, und ich vermute, sie werden nachts auch deshalb so laut, weil sie sich gegenseitig im Weg stehen. Die erste ist die nach dem, was du dir erhoffst. Damit das Nebeneinander aufhört — oder damit du wieder gemeint bist: Das klingt ähnlich und ist es nicht. Das eine sagt, was weg soll, das andere, was da sein soll, und die beiden Antworten führen nicht zwangsläufig zur selben Entscheidung.

Die zweite steht in einem einzigen deiner Sätze: ob es egoistisch wäre, zu gehen, oder egoistisch, zu bleiben. Damit gibt es in deinem Text keine Tür, hinter der du nicht schuldig bist. Ich behaupte nicht, dass das falsch ist, ich sage nur: Eine Entscheidung, deren beide Antworten schon vorher denselben Namen tragen, lässt sich schwer treffen. Vielleicht ist dieser Satz weniger der Anfang deiner Frage als das, was sie festhält. Vielleicht trifft dich das gerade, vielleicht liest du es erst beim zweiten Mal anders — sag mir, wenn ich da zu scharf lese.

Die dritte hat mit deiner Ehe zunächst nichts zu tun. Du denkst das seit ungefähr sechs Jahren, vielleicht länger, und hast noch niemandem davon erzählt, nicht einmal der Freundin, die selbst eine Scheidung hinter sich hat. Sechs Jahre allein mit etwas, das jeden Abend im selben Wohnzimmer sitzt, sind eine eigene Last, unabhängig davon, wie du irgendwann entscheidest. Dass es jetzt aufgeschrieben ist, ist bereits ein Schritt; es steht zum ersten Mal außerhalb deines Kopfes.

Das sind drei verschiedene Entscheidungen, und keine davon musst du heute treffen. Eine Frage lege ich dir trotzdem dazu, weil sie in deinem Brief nicht vorkommt: Was, glaubst du, nimmt er wahr — nach sechs Jahren, ohne dass du je etwas gesagt hast? Du beschreibst ihn als guten Vater und anständigen Menschen, was es dir nicht leichter macht, sondern schwerer. Vielleicht weiß er nichts davon. Vielleicht mehr, als in eurem Alltag Platz hat. Ich behaupte weder das eine noch das andere.

Wenn du magst, ein kleiner Schreibimpuls, nur für dich, nichts zum Zeigen: Beschreib einen gewöhnlichen Dienstagabend in einem Jahr. Nicht den großen Moment, den gewöhnlichen Abend. Was da steht, sagt oft mehr als die Frage nach dem Gehen oder Bleiben.

Wenn du magst, schreib mir, welcher dieser drei Fäden sich gerade am lautesten meldet — dort machen wir weiter. Es reicht ein Absatz, und es gibt keine Frist.

— Stefan

Wenn du magst, kannst du jetzt selbst aufschreiben, was bei dir los ist. Schreib auf, was los ist